Home Schooling - Mädchen mit iPad

Liebe GPI Blogleserinnen, liebe GPI Blogleser,

als unser Sohn Mitte März von seiner Schule mit einem 5cm hohen Papierstapel an Unterrichtsmaterial für die Zeit bis Ostern versorgt wurde, hatte ich große Fragezeichen auf der Stirn. Ist das das „digitale Deutschland“ in dem ich lebe und als digitaler Berater tagtäglich Unternehmen dabei unterstütze die digitale Transformation Schritt für Schritt zu meistern? Das Thema war auf einen Schlag auf meiner Agenda.

Und wer sich intensiver damit beschäftigt, stellt fest, dass die Situation sehr viel komplexer ist und viele Einflussfaktoren und Auswirkungen hat. Das Feld umfasst neben der Schulbildung auch die Erwachsenenbildung, Universitäten, Fortbildungen in und für Unternehmen, usw.

Es ist leicht zu sagen „Die da sind schuld an der schlechten Digitalisierung der Bildung.“. Das löst das Problem jedoch nicht. Um es einzugrenzen, konzentriere ich mich in diesem Blog mal nur auf die Schulbildung.

Schauen wir uns erst einmal an, wer die Stakeholder (Interessenvertreter) in diesem Umfeld sind. Da wären die Schüler, die Lehrer und die Schule als erste zu nennen. Danach kommen natürlich auch die Eltern, die gerade aktuell deutlich stärker in die Lehrstoffvermittlung hinein gerissen wurden. Nicht vergessen dürfen wir aber auch die Schulämter, Bildungsministerien, Lehrergewerkschaften, Verbände, Wirtschaftsunternehmen, die einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an Interessen in diesem Themenumfeld haben.

Um das zu verdeutlichen nehmen wir zum Beispiel die aktuell entbrennende Diskussion zum Thema Home Schooling. Das Home Schooling ist in weiten Teilen Deutschlands seit Mitte März im Groben so organisiert, dass die Lehrer den Lernstoff bereitstellen – in Form von Ausdrucken, per Emails, als Online-Dokumente, … bunt gemischt und über unterschiedlichste Kanäle. Wie man sieht, gibt es hier keine einheitliche Vorgehensweise. In vielen Fällen wird der Lernstoff sogar von den unterschiedlichen Lehrern einer Klasse über unterschiedliche Kanäle bereitgestellt. Das heißt, es gibt noch nicht mal für einzelne Klassen, geschweige denn für Schulen oder gar Bundesländer einheitliche Vorgehensweisen.

Die Lehrstoffvermittlung erfolgt dann in den meisten Fällen durch die Eltern. Sehr oft gibt es keine Lehrstoffkontrolle oder sie erfolgt erst Wochen später. Das heißt, Lernstoff, der nicht ausreichend vermittelt wurde wird von den Kindern auch nicht mehr gelernt. Die Lehrer haben zu großen Teilen keinen Kontakt zu den Kindern, um auf die individuelle Schwierigkeiten und Fragen eingehen zu können.

In den ersten paar Wochen war Home Schooling für Eltern und Kinder vielleicht noch „lustig“, auch wenn anstrengend. Aber was hat das mittel- und langfristig für Folgen? Auf die Bildung, die Wirtschaft, das Familienleben: katastrophale!

Warum? Nur ein paar Beispiele:

  • Wir Eltern haben keine pädagogische Ausbildung zur Lehrstoffvermittlung. Genau dafür gibt es den Beruf der Lehrer. Es werden große Bildungslücke entstehen, wenn wir unseren Kindern nicht sehr schnell wieder professionelle Lehre zur Verfügung stellen.
  • Wir Eltern sind auch Arbeitnehmer! Wir fehlen der Wirtschaft in der Zeit, in der wir unsere Kinder beschulen. Und dem Staat entgehen so auch wichtige Steuereinnahmen. Das betrifft mich persönlich übrigens nicht nur als Vater, sondern auch als Arbeitgeber…
  • Kinder lernen von Lehrern, Sporttrainern, usw. einfacher als von den Eltern. Jeder von uns Eltern weiß genau, was ich meine…😉. Konflikte sind hier vorprogrammiert.
  • Am besten lernt man, wenn man selbst erklärt. Das ist keine neue Erkenntnis und unsere Kinder praktizieren es tagtäglich in ihren Klassen, wenn sie mit ihren Mitschülern zusammen Aufgaben lösen. Das geht aber nicht, wenn sich die Kinder nicht sehen.
  • Der soziale Kontakt zu den Mitschülern fehlt. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und Erziehung in Deutschland. Dieser geht Stück für Stück verloren.
  • Direkt auf Corona bezogen: Auch Lehrer können zu den Risikogruppen gehören! In NRW sind das zum Beispiel 25% der Lehrkräfte! Sie sollen bzw. dürfen nicht in die Schule. Aber sie könnten doch von zuhause digital lehren.

Es gibt ignorante Menschen, die den Ruf der Eltern nach einer Entlastung vom Home Schooling, wie es aktuell läuft als „ablehnen der elterlichen Verantwortung“ abtuen. Oben sind nur ein paar von sehr viel mehr Argumenten aufgelistet, die deutlich machen sollten, dass unser Bildungswesen hier verantwortungslos handelt – nicht die Eltern.

Gibt es Wege aus dieser Situation? Wie kann die Digitalisierung hier helfen? Das lesen Sie – wenn Sie möchten – in der Fortsetzung meines Blogs am 20. Mai.

Bis dahin alles Gute, bleiben Sie gesund und liebe Eltern und Lehrer: durchhalten!

Ihr

Dimitrios Horozidis